Nationalitätenkonflikt: Geteiltes Leid in einer geteilten „Tiroler Bergnation“?

Die HISTOREGIO-Quelle-des-Monats „Uiber die Tiroler“ ist eine kleine Studie über die Tiroler Bevölkerung aus dem Jahr 1796. Der Autor, Joseph Rohrer (1769–1828), verfasste die etwa 140 Seiten umfassende Schrift während seines Aufenthaltes in Innsbruck zur Zeit der Koalitionskriege Österreichs gegen Frankreich (1792–1815). Rohrer verwendet einen doppeldeutigen Nationsbegriff: Die beiden sprachlich getrennten Nationen der „Deutschen“ und „Italiäner“ finden bei ihm in einem noch offenen, lokalen Nationsbegriff zusammen.

„Eine gewisse Eingeschraenkheit in den Begriffen“?

Joseph Rohrer verwendet in seiner „völkerkundlichen“ Darstellung der Tiroler von 1796 verschiedene Begriffe und Unterteilungen für die Beschreibung der damaligen Tiroler Bevölkerung. Der Nationsbegriff stand gerade hoch im Kurs. Die kollektive und breite Selbst- und Fremdwahrnehmung als Nationen führte seit der sogenannten Sattelzeit um 1800 zur allmählichen Umdeutung und zum Aufstieg der Nation zur zentralen Identifikationseinheit für breitere Bevölkerungskreise. 
Rohrer verwendete den Begriff in einer ganz spezifischen Form. Seine „Bergnation“, in die er alle Tiroler (und Bewohner der damaligen, selbstständigen Hochstifte Brixen und Trient) zusammenfasste, scheint zunächst noch unbeeinflusst von den damals auf den politischen Parketten in Mitteleuropa und Tirol geführten Debatten um die Bedeutung und die Rolle einer Nation. Rohrers Auffassung beinhaltet einen klaren Bildungsauftrag. Dieser erscheint aus seinem eigenen aufklärerischen Hintergrund verständlich. Der Auftrag richtet sich vor allem an die deutschsprachigen Bewohner des Kronlandes Tirol. Unter dem Sammelbegriff seiner „Bergnation“, der auch gleichbedeutend mit „Bergvolk“ verwendet wird, versammelt Rohrer die beiden (Sprach-)Gruppen. Er spricht sie ebenfalls als (Sprach-)Nationen an: „Deutsche“ und „Italiäner“. 

Zwei Nationen in einer? Die „Tiroler Bergnation“

Rohrer merkt an, dass die beiden Nationen der „Deutschen“ und „Italiäner“ grundsätzlich „in Ruecksicht auf Denkart und sittlichen Charakter“ unterschieden werden müssten. Neben den zahlreichen, zum Teil sehr klischeehaft gezeichnete Unterschieden, etwa im sprachlichen und künstlerischen Bereich, führt Rohrer auch die Gemeinsamkeiten der beiden Gruppen an. Diese ergeben sich in den ähnlichen Lebensumständen, welche die ansässige Bevölkerung der betrachteten Region teilen: Das alpine Klima und die Landschaft der Alpen werden so zu den wesentlichen Bestimmungsmerkmalen des Tiroler „Bergvolkes“. Geschicklichkeit, Vergnügen an körperlicher Ertüchtigung (als Beispiele nennt er: Die „Robler“ im Oberinntal oder die „Nationalspiele“ der „Welschtiroler“), sowie eine hohe Betriebsamkeit zeichnen die Menschen hier aus. Das geteilte Leid, das sich aufgrund der rauen klimatischen Bedingungen ergibt, führt somit bei Rohrer zum Zusammenschluss der beiden sprachlich getrennten Gruppen in einer gemeinsamen „Bergnation“. Er stellt die „Welschtiroler“ gerade hinsichtlich ihrer geistigen Fähigkeiten als Vorbilder für die deutschsprachigen Tiroler dar. Dieser Umstand änderte allerdings nichts daran, dass Rohrers Werk auf italienischsprachiger Seite im zunehmend nationalistischen Klima des 19. Jahrhunderts negativ rezipiert wurde.


Zitate aus der Quelle

Gemeinsamkeiten: Elemente der „Tiroler Bergnation“ bei Rohrer

Körperstärke: „Doch immerhin! Der Tiroler sucht nicht durch körperliche Schoenheit anzuziehen, sondern mehr durch Koerperstaerke zu fesseln.“ (S. 9)

Betriebsamkeit: „So wie dieses Bergland durch seine Rauhigkeit die Veranlassung der Jagdlust des Tirolers ist, so wird es auch durch seine Unfruchtbarkeit die Ursache der Betriebsamkeit desselben.“ (S. 16) „Ein gleiches Lob verdienen die Waelschtiroler, welche sich in mehreren rauhen Confinthaelern nicht gereuen lassen, Erde wiederhohlten Mahlen auf ihre kahlen Felsen zu tragen, um die Polenta anzubauen.“ (S. 17)
 
Geteiltes Leid: „In den älteren Jahren, wo so mancher drueckende Kummer an der Wange des Tirolers Furchen graebt, und in die Stirne Runzeln verfestigt, ziehen sich die großen Augen zurueck, und die Mundwinkeln fallen. Die dicken borstigen Augenbrauen verbinden sich dann nicht selten über der Nase, und bilden gleichsam eine unregelmaeßige Linie. […] Endlich werden der Kopf und die breiten Schultern durch die centnerschweren Lasten, die der Tiroler bergauf und ab traegt, zum Nachtheile einer schoenen Koerperstellung zu sehr hervor gedruckt.“ (S. 7f.)

Unterschiede: Elemente einer italienischen und deutschen Sprachnation bei Rohrer

Kunstsinn: „Sobald man aber die Tiroler weiter in dem anmuthigen Gefilde der schoenen Kuenste verfolget, so scheint es eben nicht, daß Deutsche und Waelsche ohne Unterschied gleiche Ansprueche auf deren Besitz haetten.“ (S. 71) „Viel kommt dem Waelschtiroler schon dadurch zu Gute, daß er sich in einer Sprache auszudruecken hat, die an sich so viel Sonores besitzt. Dagegen ist die Idiotismenreiche Sprache der deutschen Tiroler von schweren Mitlautern angefuellt. Die verschiedenen zur Aussprache derselben zu bewegenden Muskeln sind sowohl wegen der Grobheit der durch viele Abhaertungen steif und unbiegsam gewordenen Fasern, als wegen des Druckes, den sie durch die bey den deutschen Tirolern angeschwollenen Halsdruesen erleiden, viel zu unbehuelflich, als daß die kleineren Unterschiede, zwischen aehnlichen Bewegungen in geschwinden Passagen beobachtet werden koennten.“ (S. 74)

Geistiges Vermögen: „Wir haben uns bereits ueberzeugt, daß die Tiroler mehrere koerperliche und geistige Vermoegen zu ueben sich angelegen sey lassen; moechte man dieses doch auch in Ruecksicht ihrer natuerlichen Verstandsfaehigkeit sagen koennen! Zwar scheint eine gewisse Eingeschraenkheit in den Begriffen, ein gewisser mit vieler Behaglichkeit verbundener Ideenstillstand, welcher nicht unrichtig mit der Unbeweglichkeit der jeder Gewalt trotzenden Felsenmassen verglichen werden kann, das gewoehnliche Loos der Gebirgsbewohner zu seyn; allein in Ruecksicht der Tiroler ist dieß der entschiedene Fall. […] Sollte man nun aber wegen aller dieser vorausgegangenen Thatsachen einen durch Vorurtheil und Aberglauben gefesselten Verstand mit unter die charakteristischen Zueg der gesammten Nation aufnehmen wollen, so ist man nichts destowenig sehr irrig daran. Denn bereits im Anfang dieses Jahrfuenzig [nach 1750] zeigt sich hier und da im Confinenkreise [im Bereich von Rovereto] jene hellere Denkart, welche jetzt bey einer Summe von beynahe einmal hunderttausend Bergbewohnern, alle Waelschtiroler, unverkennbar in die Augen faellt.“ (S. 77, 81)
 

Weiterführende Literatur zur Auffassung einer „Tiroler Nation“


Karl Gottfried Hugelmann, Art. Rohrer, Joseph, in: Allgemeine Deutsche Biographie 29 (1889), S. 64–68.

Margret Friedrich, Zwischen Länder-Eigen-Sinn und Gesamtstaatsidee. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung zum Tiroler Landtag 1790, in: Geschichte und Region/Storia e regione 13/1 (2004), S. 171–190.

Meinrad Pizzinini, Die „Tiroler Nation“ und das „Heilige Land Tirol“, in: Klischees im Tiroler Geschichtsbewusstsein. Symposium anläßlich des zehnjährigen Bestehens des Tiroler Geschichtsvereines. 8. bis 10. Oktober 1992. Tiroler Landeskundliches Museum im Zeughaus Kaiser Maximilians I. in Innsbruck, Innsbruck 1996, S. 51–61.

Martin P. Schennach, Revolte in Region. Zur Tiroler Erhebung von 1809, Innsbruck 2009, insbesondere S. 170–187.

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Die Quelle des Monats findet sich unter diesem Link online einsehbar.

Mag. Alexander Piff, Bakk. phil., ist Historiker und Kulturwissenschaftler an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und befasst sich im Rahmen des HISTOREGIO-Projektes mit Nationalisierungsprozessen im historischen Tirol.

https://www.uibk.ac.at/geschichte-ethnologie/mitarbeiterinnen/projekt/piff_alexander/


 

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