Beerenhunger

"Rohes Stadtvolk ohne Gewissen"

Die hungernde Zivilbevölkerung wusste die Waldfrüchte, die im Sommer reifen, sehr zu schätzen. So machten sich viele Stadtbewohner auf und besserten ihre karge Lebensmittelsituation in den Wäldern auf, was der Landbevölkerung natürlich ein Dorn im Auge war.
Unter der Schlagzeile "Räuberhandwerk" berichtete die Tageszeitung Allgemeiner Tiroler Anzeiger am 22. August 1918:

"Aus dem Stubaital wird uns geschrieben: Es ist begreiflich, daß in der heutigen Notperiode jeder Mensch sich um Hilfe für die Gegenwart und noch mehr die drohende Zukunft umsieht. Als Behelf für schlechte Zeiten dient auch die Sammlung von Beeren für Eingesottenes. Daß die vielen Darbenden in den Städten sich in die Berge begeben, um von deren Abhängen die Heidel- und Preiselbeeren, Himbeeren und Erdbeeren zu holen, ist begreiflich, aber unbegreiflich ist die Art, wie dabei mit den Fruchtböden und mit den Früchten und Sträuchern gewirtschaftet wird. Da ist nicht mehr die Not die Triebfeder, sondern barbarische Vertilgungswut, welche den Beerenertrag auf Jahre hinaus schmälert, ja vernichtet. Abgesehen von dem Uebelstande vorzeitiger Abnahme aus Furcht zu kurz zu kommen, wird mit Kämmen unmenschlich darauf los gearbeitet. Die Wurzeln werden entblößt, die Stengel werden geknickt, Reifes und Unreifes in einem abgenommen. [...] So geht von Jahr zu Jahr die Fruchtbarkeit zurück, die weiten Fruchtschläge verschwinden und schließlich hat niemand etwas – weil rohes Stadtvolk ohne Gewissen seine Viehereien an Gottes Natur vollzogen hat."



(Symbolbild: Stubaital, ca. 1890 – Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, public domain)

 



[22.08.2018 Thomas Sinha]

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