Die Rolle der Kinder und Jugendlichen im Ersten Weltkrieg am Beispiel von Taufers im Pustertal, Südtirol

Mag. Beate Auer, Universität Innsbruck

Obwohl Kinder und Jugendliche nicht immer unmittelbar und direkt mit dem Kriegsgeschehen konfrontiert waren, veränderte der Krieg auch deren Leben in großem Maße.

Die schlechte Ernährungslage, die schwere Arbeit am Hof, bedingt durch das Fehlen der männlichen Arbeitskräfte, prägten die Kindheit.

In Frontnähe war die Zeit des Krieges für Kinder und Jugendliche noch um vieles schlimmer. Durchziehende, verletzte oder plündernde Soldaten, Flüchtlinge und Kanonendonner hinterließen oft traumatische Erinnerungen.

War das Leben auf dem Land auch vor Beginn des Krieges schon mühsam, arbeits- und entbehrungsreich, verschlechterte sich die Situation mit Verlauf des Krieges noch einmal deutlich. In bisher unbekanntem Ausmaße wurden die Kinder für Kriegszwecke missbraucht.

Die obligatorische Beteiligung an Kriegswallfahrten und Kriegsgebeten war nur der ideelle Teil der Unterstützung der Kinder für Österreich-Ungarn.

Auch konkret-praktisch standen die Kinder den „Mann" an der Heimatfront. Die Mithilfe bei der Haus- und Feldarbeit und bei Sammelaktionen sowie die Herstellung von Kleidungsstücken für die Soldaten standen dabei im Mittelpunkt. Die Arbeitskraft der Kinder in der Landwirtschaft aber auch im Haushalt war unabkömmlich. Die Männer waren an der Front und das Aufrechterhalten der bäuerlichen Existenz sowie die Verpflegung der Familie lagen auf den Schultern der Frauen, der Alten und der Mädchen und Jungen.

Dass Kinder und Jugendliche ihren Teil zur Erhaltung der Familie beitragen und bei der Bewirtschaftung des Hofes mithelfen mussten, sah auch die Schulverwaltung bald ein. Ortsschulräte hatten das Recht, Kinder, welche zu Hause dringend als Arbeitskräfte gebraucht wurden, für die gesamte Dauer des Krieges von der Schulpflicht zu entbinden. Vor allem Knabenklassen schrumpften in der Folge auf wenige Schüler.

Im Schuljahr 1914-1915 waren z. B. in der Schule der Pfarre Taufers im Pustertal, insgesamt 301 Schüler eingeschrieben. Von diesen besuchten im April 1915 gerade noch 80 den Unterricht.[1]

Kinder wurden neben der ‚Kriegsarbeit', welche sie zu Hause am Hof leisteten auch zu weiteren kriegsdienlichen Arbeiten herangezogen. Vor allem die Mädchen wurden dazu angehalten, ihre Arbeiten in den Dienst des Krieges zu stellen.

Die Handarbeit der Frauen und Mädchen war im Ersten Weltkrieg ein großer und unentbehrlicher Beitrag an der Heimatfront. Kleider wurden genäht und geflickt, Handschuhe, Pulswärmer, Wollsachen aller Art gestrickt.

„Mädchen! Heraus mit Eurer Waffe, der Stricknadel! Nützt Eure

Mußestunden und strickt fleißig warme Socken, Knie- und

Pulswärmer! In der kommenden rauen Jahreszeit werden unsere im

Felde stehenden Brüder Euch dafür Dank wissen!"[2]

Auf regionaler Ebene gibt es genaue Auflistungen über die in den Schulen gefertigten Stricksachen und gesammelten Materialien. In Taufers im Pustertal zum Beispiel wurde stolz über die fertig gestellten Kleidungsstücke und gesammelten Dinge Buch geführt.

„Die Schüler unserer Schule leisteten für den Krieg bedeutendes: Es wurden 2 große Kisten mit insgesamt 80 kg Bedarfsartikel für die Soldaten gesammelt. Die Mädchen strickten im Winter 1914-1915: 145 Paar Socken, 25 Wadenstutzen, 82 Schneehauben, 40 Paar Pulswärmer, 8 Paar Kniewärmer, 3 Paar Fäustlinge, 1 Leibbinde und zupften eine Menge Wundfäden für die Soldaten; 3 große Säcke voll Erdbeer- und Brombeerblätter wurden von den Schülern gesammelt. Sie sammelten auch Metalle, Wollreste und Kautschuk. An Geld wurde gesammelt für das Rote Kreuz, für Kriegswaisen, Witwen und Waisenhilfsfond insgesamt 64 K. Ende November 1915 wurden 80 Karton Liebesgaben für Weihnachten abgeschickt."[3]

Zwar kamen nicht alle Kinder und Jugendlichen unmittelbar mit dem Schrecken des Krieges in Berührung, doch die Überforderung mit den kriegsdienlichen Aufgaben prägte sie stark. Viele verloren ihre Väter und Brüder im Krieg und wurden in die Rolle des Familienoberhauptes gezwungen.

Mit dem Kriegseintritt Italiens 1915 wurden schließlich viele junge Burschen in das direkte Kampfgeschehen an der Tiroler Front geschickt, um dort als meist schlecht ausgebildete Standschützen gegen die Italiener zu kämpfen.[4] Viele kehrten nicht mehr nach Hause zurück.

 

 [1] Vgl. Feichter, Josef: Tauferer Schul- und allgemeine Chronik, Mühlen 1984, S. 33-34.

[2] Zitat Der Tiroler, Donnerstag 1. Oktober 1914, S. 5.

[3] Vgl. Feichter, Josef: Tauferer Schul- und allgemeine Chronik, Mühlen 1984, S. 37.

[4] Forcher, Michael: Tirols Geschichte in Wort und Bild, Innsbruck 1984, S. 196.

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